«Blockbuster» in Wimbledon: Lümmel Kyrgios fordert Nadal

London – Ausraster, Eskapaden, aber auch feinste Tennis-Künste: Nick Kyrgios ist der wohl am meisten polarisierende Tennisprofi der Gegenwart.

Manche kritisieren seine Pöbeleien, manche halten seine von unten geschlagenen Aufschläge für respektlos, andere lieben seine Zauberschläge und lässige Art. Unbestritten aber ist, dass der Australier das Potenzial hat, sich gegen die Besten der Branche zu behaupten. Auf der größten Tennis-Bühne in Wimbledon könnte Kyrgios am Donnerstag in einem Zweitrunden-Knüller für ein sensationell frühes Aus von French-Open-Champion Rafael Nadal sorgen.

«Ich spiele gegen einen äußerst talentierten Spieler, einen sehr gefährlichen Spieler, wenn er Tennis spielen will», sagte der Weltranglisten-Zweite Nadal und fasste damit die zwei unterschiedlichen Gesichter des 24-Jährigen zusammen.

Der Spanier spricht aus eigener leidvoller Erfahrung – und gerade die verleiht dem für Tennis-Fans faszinierenden Aufeinandertreffen noch eine besondere Note. Drei von sechs Spielen hat der inzwischen zwölfmalige French-Open-Gewinner gegen den unberechenbaren Australier verloren, das bedeutendste an gleicher Stätte in Wimbledon vor fünf Jahren. Damals war Kyrgios erst 19, wurde in der Weltrangliste auf Platz 144 geführt und bereicherte die Wimbledon-Geschichte mit seinem Achtelfinal-Erfolg in vier Sätzen um eine riesige Überraschung.

Ein Tennis-Nobody wurde schlagartig bekannt. Den Ruf, den er sich mittlerweile aber erwarb, ist weniger der eines Weltklassespielers. Kyrgios gilt als Spieler zwischen Genie und Wahnsinn. Ein Talent, das sein Potenzial vergeudet. «Ich weiß, wenn ich die richtige Art von Tennis spiele, kann ich Erfolg gegen ihn haben. Ich muss mit der richtigen Einstellung kommen», sagte er über das Match gegen Nadal.

Von einem «Blockbuster» in der zweiten Runde schrieb die «Daily Mail» am Mittwoch. Es ist ein Duell der Gegensätze. Hier der detailversessene Nadal. Auf der anderen Seite Kyrgios, der manchmal wirkt, als habe er gerade keine Lust und das Match sei ihm egal. Der Spanier, der Erfahrung mit etlichen Trainingsstunden paart, trifft auf den Australier, der mal zugegeben hat, lieber Basketball zu spielen. Doch der Außenseiter kann den Mitfavoriten besiegen, auch wenn er 41 Plätze hinter ihm in der Weltrangliste liegt.

Schon im Ergebnis seiner Erstrundenpartie gegen seinen Landsmann Jordan Thompson spiegelt sich der Charakter von Kyrgios wider. Den vierten Satz schenkte er in nur 18 Minuten her, im fünften Durchgang fertigte er seinen Gegner ab – und gewann 7:6 (7:4), 3:6, 7:6 (12:10), 0:6, 6:1. «Ich habe noch nicht rausgefunden, wie ich mein bestes Tennis spiele, sonst wäre mein Verhalten wahrscheinlich ein bisschen besser», gab Kyrgios anschließend zu Protokoll.

Der umstrittene Tennis-Lümmel ist dafür bekannt, über Schiedsrichter zu pöbeln, sich über angebliche Störfaktoren auf den Zuschauerrängen zu beschweren und hat schon etliche Geldstrafen aufgebrummt bekommen. In Rom flippte er im Mai aus, warf einen Stuhl über den Court, packte seine Tasche und verließ den Platz. «Manchmal ist es lustig. Manchmal ist es nicht so großartig», räumte er generell ein.

Es gibt aber auch die andere Seite, die begeistern kann. In Acapulco im März zeigte der Tennis-Paradiesvogel seine Klasse und bezwang Alexander Zverev im Finale in zwei Sätzen. Ebenso verzückt die Nummer 43 der Welt mit seinen Raketen-schnellen Schlägen oder mit Bällen durch die Beine, selbst in Situationen, in denen ein solch komplexer Schlag gar nicht notwendig wäre. «Ich werde mich nicht ändern. Ich gehe raus, habe Spaß, spiele das Spiel, wie ich es spielen will. Am Ende des Tages weiß ich, dass die Leute zuschauen werden», sagte er am Dienstag.

Boris Becker hofft, dass Kyrgios zur Vernunft kommt. Man solle gar nicht so sehr über seine Zornesausbrüche reden, Kyrgios suche die Aufmerksamkeit. «Ich würde mir wünschen, dass er das tut, was er am besten kann, und das ist Tennis spielen. Er ist eines der größten Talente, und ich würde lieber über seine Turniersiege als über seine Unbeherrschtheiten sprechen», sagte der dreimalige Wimbledonsieger in einem Fernsehinterview in London. Kyrgios hat seine eigene Meinung: «Nur weil ich anders bin, sorgt es für Aufregung. Wenn alle gleich wären, wäre es doch langweilig – oder?»

Fotocredits: Tim Ireland
(dpa)

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