Hoffenheims Königsklassen-Debüt: Nicht nur die Hymne hören

Charkiw – Julian Nagelsmann hatte ein Lächeln im Gesicht. Voller Stolz und Vorfreude ist der jüngste Trainer der Champions-League-Geschichte mit dem kleinsten Dorfverein zum Debüt in der Königsklasse aufgebrochen.

Die TSG 1899 Hoffenheim und der 31 Jahre junge Nagelsmann fordern zum Auftakt der Gruppenspiele den ukrainischen Meister und Tabellenführer Schachtjor Donezk. «Wir treten nicht an, um die Hymne zu hören. Wir wollen weiterkommen!», verkündete Sportchef Alexander Rosen vor der Partie an diesem Mittwoch (18.55 Uhr) in Charkiw.

Den englischen Meister Manchester City mit Startrainer Pep Guradiola, den die TSG im ersten Heimspiel am 2. Oktober in Sinsheim erwartet, sieht Rosen als Topfavoriten an. Gegen Olympique Lyon und Donezk rechnet sich das Team aus dem 3200-Einwohner-Ort im Kraichgau aber etwas aus. «Wir treten an, um zu gewinnen», bekräftigte Rosen.

Dabei helfen sollen die Erfahrungen aus dem Vorjahr, als die TSG in der Europa League nur Gruppenletzter wurde und ausschied. «Wir wollen das ein wenig gerade rücken», sagte Rosen. Allerdings weiß er um die Schwere der Aufgabe beim elfmaligen Champion und zwölfmaligen Pokalsieger der Ukraine: «Die haben 2001 das letzte Mal zuhause gegen eine deutsche Mannschaft verloren.»

Nach zwei Pleiten in der Bundesliga sind die Hoffenheimer noch auf der Suche nach der Leichtigkeit, die sie in der Vorsaison ausgezeichnet hatte. Zudem muss Nagelsmann sein Team wieder umbauen. Ihm fehlen die verletzten Benjamin Hübner, Lukas Rupp, Nadiem Amiri, Kasim Adams, Ermin Bicakcic und Dennis Geiger.

Zudem verzichtet der Trainer auf die Neuzugänge Joshua Brenet und Ishak Belfodil. «Sie wären normalerweise im Kader. Aufgrund einer disziplinarischen Maßnahme haben wir uns aber entschlossen, beide nicht zu nominieren», berichtete Rosen. Dafür sind die zuletzt angeschlagenen Kevin Vogt und Florian Grillitsch sowie Kevin Akpoguma nach einem Augenhöhlenbruch und erstmals auch Kerem Demirbay (Außenband) dabei.

Der Respekt vor den Ukrainern, in deren Reihen zahlreiche Brasilianer stehen, ist groß. «Gegen Donezk haben sich schon viele Mannschaften schwergetan», sagte Rosen. «Wir wissen, was das für eine besondere Herausforderung wird.» Schachtjor spielt bereits die zweite Saison im EM-Stadion von Charkiw, nachdem der Heimclub Metalist pleite ging. Der Umzug fiel den Orange-Schwarzen nicht schwer, hatten sie doch in Lwiw seit dem unfreiwilligen Abschied aus ihrem Heimatstadion wegen des Kriegsausbruchs 2014 einen schweren Stand. Zu stark wurde ihr Verein und dessen Besitzer Rinat Achmetow mit den prorussischen Separatisten aus dem Donbass assoziiert.

Die mit etwa 1,5 Millionen Einwohnern zweitgrößte ukrainische Stadt Charkiw lockte nicht nur mit einem leeren Stadion. Die räumliche Nähe zum heimatlichen Industrierevier Donbass – nur etwa 200 Kilometer entfernt befindet sich die Frontlinie – machte die Großstadt zur ersten Anlaufstelle für viele Flüchtlinge aus dem von Aufständischen kontrollierten Donezk. Der Rückhalt für die Mannschaft ist daher ungleich größer als in der Westukraine.

Dennoch ist die Mannschaft nicht komplett nach Charkiw gezogen. Wohnsitz und Trainingsort bleiben in der Hauptstadt Kiew. Diese Bedingung stellten die brasilianischen Stars vor vier Jahren nach dem Ausbruch der Kämpfe. Damals drohten sie sogar mit ihrer Abreise. Denn die damalige Separatistenhochburg Slowjansk liegt gerade einmal 150 Kilometer von Charkiw entfernt.

Fotocredits: Uwe Anspach
(dpa)