Hrubesch und Co. werden 1980 Europameister

Düsseldorf (dpa) – Wieder und wieder wurde in der magischen Nacht von Rom der Nummer-1-Hit von Schlagerbarde Mike Krüger intoniert.

«Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehen und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben drehen…», schmetterten Deutschlands neue Fußball-Helden vor 36 Jahren. Die Glückseligkeit kannte am Abend des 22. Juni 1980 kaum Grenzen. Ein bunt zusammengestelltes Team von Bundestrainers Jupp Derwall holte im Stadio Olimpico mit dem 2:1-Finalsieg gegen Belgien den zweiten EM-Titel nach Deutschland – und leistete Wiedergutmachung für die «Schmach von Cordoba» gegen Österreich und das Aus bei der WM 1978.

«Ich kann mich gut erinnern, dass der Nippel durch die Lasche gezogen wurde. Das Lied war damals der absolute Brenner», erzählte Mittelstürmer Horst Hrubesch der Deutschen Presse-Agentur (DFB). Der heutige Olympia-Coach vollendete in der Ewigen Stadt seine persönliche Cinderella-Story.

Mit zwei Länderspielen reiste der kernige Westfale nach Italien und wurde mit seinen ersten beiden Treffern im DFB-Dress der Matchwinner im Finale. Das Siegtor in der 89. Minute rammte das Kopfball-Ungeheuer vom Hamburger SV mit der Stirn über den späteren Bayern-Keeper Jean-Marie Pfaff hinweg ins Tor.

«Man musste erstmal begreifen, dass man von Null auf Hundert Europameister ist. Dass ich Tore schießen kann, wusste ich. Dass ich die ersten beiden für die Nationalmannschaft im Finale erziele, war natürlich das absolute Highlight», sagte Hrubesch.

Jupp Derwall hatte nach der WM in Argentinien die Nachfolge von Helmut Schön als Chefcoach angetreten. Derwall stellte ein junges Team mit einem Durchschnittsalter von 24,2 Jahren zusammen – ohne die gewohnte Blockbildung.

«Da haben ein Klaus Allofs, ein Karl-Heinz Rummenigge oder ein Bernard Dietz gespielt. Bernd Schuster zog damals als junger Spieler schon die Fäden. Der Zusammenhalt der Mannschaft war superklasse. Wir hatten nur ein Ziel», erzählte Hrubesch, der für den verletzten Klaus Fischer ins Aufgebot aufgerückt war.

Der Duisburger «Enatz» Dietz war Kapitän, er gab das Musketier-Motto «Alle für einen, einer für alle» aus. «Kalle» Rummenigge und Klaus Allofs sind der heutigen Generation durch ihre Funktionärstätigkeiten ebenso gegenwärtig wie ein Bernd Schuster als Trainer. Der Augsburger zeigte bereits als 20-Jähriger sein Ausnahmetalent, er spielte den Pass, den Hrubesch zum frühen 1:0 im Finale verwertete. Der eigenwillige «blonde Engel» überwarf sich nach dem Triumph aber mit Derwall und beendete seine Nationalmannschaftskarriere früh.

Das deutsche Team war bei einer tristen Endrunde, die erstmals mit acht Nationen ausgespielt wurde, mit 1,93 Toren pro Spiel der Lichtblick. Ein Manipulationsskandal in Italien und der Hooliganismus in England hatten sichtbare Spuren hinterlassen. Der Zuschauerdurchschnitt des Turniers lag bei 24 051 Besuchern, das Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei (1:0) in Rom sahen gerade 10 500 Zuschauer. Das Spiel England gegen Belgien in Turin musste wegen Gewaltexzessen unterbrochen werden.

Eines der wenigen Highlights war das 3:2 Deutschlands im Klassiker gegen die Niederlande. Klaus Allofs brachte das DFB-Team im Alleingang 3:0 in Führung. Ein gewisser Lothar Matthäus brachte unfreiwillig Oranje wieder ins Spiel. Gerade für Dietz eingewechselt, verursachte der spätere Kapitän der 1990-Weltmeister bei seinem DFB-Debüt einen Elfmeter.

Aber es reichte trotzdem zum vielleicht wichtigsten Sieg auf dem Weg ins Finale, das so traumhaft endete. «Wir waren jung und glücklich», sagte Rummenigge einmal. Und Hrubesch erzählte: «Gefeiert haben wir die Nacht danach. Und Alkohol war auch ein bisschen dabei.»