Nürnberg taumelt – «Realistisch sein ist Schwachsinn»

Nürnberg – Wie forciert man den eigenen Abstieg? Der historisch schlechte 1. FC Nürnberg macht es gerade vor. Beim 0:1 (0:1) gegen RB Leipzig drosch Hanno Behrens in der Startphase einen Foulelfmeter an die Latte.

Es war mal wieder typisch für den Tabellenletzten beim 18. sieglosen Spiel am Stück, das einen Vereins-Negativrekord bedeutet. «Wenn ich den Elfmeter reinhaue, läuft das Spiel vielleicht anders. Das ist bitter, das tut mir sehr weh», stöhnte Behrens. Eine Woche zuvor war es beim 1:2 in Düsseldorf der Brasilianer Matheus Pereira, der mit einer dummen Tätlichkeit kurz nach dem Anpfiff für einen Akt der Selbstzerstörung sorgte. «Der Club is a Depp» – das Sprichwort gilt in dieser Saison mal wieder. Der neunte Abstieg des neunmaligen deutschen Meisters aus der Fußball-Bundesliga scheint unausweichlich.

Weil Kapitulieren im Profisport keine Option ist, blenden sie in Franken die Wahrheit der Tabelle – 13 Punkte, Letzter – am liebsten aus. «REALISTISCH SEIN IST SCHWACHSINN», hieß es in Großbuchstaben auf einem Transparent in der Fankurve. Nach jedem weiteren nicht gewonnenen Spiel bleiben allein Durchhalteparolen. Diesmal klangen sie so: «Die Hoffnung ist bei mir noch zu hundert Prozent da, beim Trainer und bei den Fans», sagte Eduard Löwen. Teamkollege Patrick Erras verkündete: «Auch wenn es schwer ist, daran zu glauben: Wenn wir so weitermachen, werden wir auch bald wieder Siege einfahren.»

Torwart Christian Mathenia, wieder einmal Nürnbergs Bester, stellte immerhin fest: «Es ändert sich nichts.» Mathenia rühmte aber auch «Mentalität, Leidenschaft und Willen» seines Teams. Aber es fehlt überall an Erstliga-Qualität. Vorne harmlos (18 Tore in 24 Spielen) und hinten unaufmerksam beim Leipziger Siegtor von Lukas Klostermann nach einem Eckball. «Gegentore nach Standards sind einfach Dinge, die wir verhindern müssen. Das nervt einfach», kommentierte Löwen.

Ein Sportvorstand, der nach der Trennung von Andreas Bornemann die Weichen aktuell und schwerpunktmäßig für die 2. Liga stellen könnte, fehlt. Damit bleibt Boris Schommers vorerst Interimscoach. «Ich kenne den Tabellenstand», erklärte der vormalige Assistent von Michael Köllner. Aber der 40-Jährige sagte nach der 15. Saisonniederlage auch: «Die Mannschaft hat meine Erwartungen erfüllt.»

Man müsse sehen, gegen wen man gespielt habe: «Da kommt Leipzig, das ist eine der besten Mannschaften Deutschlands.» Der Anwärter auf die Champions League spielte sich beim Sprung auf Platz drei jedoch nicht in einen Rausch wie beim 6:0 im Hinspiel. Die Sachsen beschränkten sich diesmal auf konzentrierte und effektive Fußball-Maloche.

Ralf Rangnick sprach von einem «anstrengenden Arbeitssieg». Der RB-Coach benannte stolz den «Schlüssel» für die aktuellen Erfolge: schon elf Saisonspiele ohne Gegentor. «Jeder in der Mannschaft hat Spaß daran, zu Null zu spielen», schwärmte Rangnick.

Für Wirbel sorgte eine Gelbe Karte für Ibrahima Konaté beim Foulelfmeter, der für Rangnick «selbst in 100 kalten Wintern keiner» war. Nach dem Videobeweis und der Korrektur von Freistoß auf Strafstoß revidierte Schiedsrichter Daniel Schlager auch die Verwarnung. Darum gab es kein Gelb-Rot, als Konaté nach der Pause ein zweites Mal Gelb sah. «Ich habe die Entscheidung selbst getroffen und die Gelbe Karte zurückgenommen», klärte Schlager hinterher auf.

Ob der «Club» in Überzahl den Minusrekord von 18 Spielen ohne Sieg hätte abwenden können? Schommers blickte lieber trotzig nach vorne auf die noch ausstehenden zehn Partien: «Ich glaube daran, dass wir so einen Lauf, den niemand mehr von uns erwartet, starten können.»

Fotocredits: Daniel Karmann
(dpa)

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