Russen-Trainer Tschertschessow hält viel von Löw

Leipzig – Stanislaw Tschertschessow zeigte sich gut gelaunt bei seiner Rückkehr nach Sachsen. Nach dem Überraschungscoup mit der russischen Nationalmannschaft, die er bei der Heim-WM überraschend bis ins Viertelfinale führte, genießt der russische Nationalcoach Kultstatus in seiner Heimat.

Sein imposanter Schnurrbart gilt als Erfolgssymbol. «Wenn ich gewusst hätte, dass der Bart eine Rolle spielt, hätte ich ihn mir noch länger wachsen lassen. Dann wären wir vielleicht Weltmeister geworden», scherzte Tschertschessow einen Tag vor dem Länderspiel zwischen Deutschland und Russland am Donnerstag in Leipzig.

Und ja: Er werde jetzt wie seine Spieler im Riesenreich Russland «häufiger auf der Straße erkannt», berichtete der ehemalige Torhüter, der kurz nach der politischen Wende zwei Jahre für Dynamo Dresden in der Bundesliga gespielt hat. In Leipzig trifft er seinen ehemaligen Trainer beim FC Tirol, Joachim Löw, wieder. Für Tschertschessow gibt es keine Zweifel, dass Löw nach der blamablen WM den Umbruch in der deutschen Nationalmannschaft erfolgreich bewältigen wird. «Ich habe unter ihm gespielt und bin überzeugt, dass er eine Lösung finden wird.» 2002 waren beide zusammen österreichischer Meister geworden.

Seitdem sind Stani und Jogi enger verbunden. Auf seinem Instagram-Profil hat der Russe ein Foto von sich und seinem deutschen Kollegen hochgeladen. Beim FIFA-Kongress in London trafen sich beide und frühstückten. «Auch während der WM waren wir per SMS in Kontakt», verriet Tschertschessow. Zweifel an Löw könne er überhaupt nicht verstehen, bemerkte der 55-Jährige: «Es ist nicht einfach, so einen fachlich kompetenten Trainer zu finden.»

Die Sbornaja ist – anders als das DFB-Team – auch nach der WM in der Erfolgsspur. Vier Tage nach dem Deutschland-Spiel reicht in Schweden ein Punkt, um bei der kommenden Auflage des neuen UEFA-Wettbewerbs in der Top-Staffel A zu spielen. «Gegen Deutschland geht es um das Image, in Schweden kämpfen wir um den Aufstieg. Beide Spiele sind wichtig», sagte Teschertschessow am Mittwoch.

Nach vielen Ausfällen muss er sein Team umstellen, «eine Chance für die Spieler, die sonst nicht so viel spielen», meinte der Coach. Auch die beiden Ex-Bundesligaprofis Roman Neustädter und Konstantin Rausch, die nicht bei der WM dabei waren, können auf einen Startelf-Einsatz hoffen.

Nach der WM verlieh ihm der russische Präsident Wladimir Putin einen Orden. Auf den Kremlchef hält Tschertschessow offenbar große Stücke. «Er ist unser Leader, und er macht seine Sache hervorragend», sagte er im «BamS»-Interview. «Vielleicht sind ja viele in Deutschland eifersüchtig, dass wir ihn haben – und ihr nicht.» Dieser Satz ist auch von vielen russischen Medien aufgegriffen worden.

Geachtet ist Tschertschessow nicht nur in Russland. Im Februar 2019 soll er in Dresden den Orden des 14. Dresdner Semperopernballs bekommen. Damit werde seine «außergewöhnliche Laufbahn» als aktiver Sportler sowie als Vorbild und Identifikationsfigur geehrt, hatten die Veranstalter ihre Wahl begründet. Tschertschessow sprach von einem «besonderen Verhältnis» zu Dresden. Jüngst bei einem Besuch hatte er sich sein altes Wohnhaus und die Klinik noch einmal angeschaut, in der sein Sohn geboren worden war.

Die Rückkehr nach Leipzig ist für den Ex-Keeper dagegen mit einer bösen Erinnerung verbunden. Am 7. August 1993 gab er im alten Zentralstadion gegen den VfB Leipzig für Dynamo sein Bundesliga-Debüt. «Ich habe drei Schüsse auf das Tor bekommen, alle waren drin. Für die Zuschauer gut, für den Torwart Tschertschessow nicht so», erinnerte der russische Nationaltrainer an das 3:3.

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(dpa)