U21 zwischen EM-Projekt und A-Team-Casting

Heidenheim – Bei der Prognose über zukünftige Aufsteiger aus seiner U21 in die Fußball-Nationalmannschaft hielt sich Stefan Kuntz lieber zurück.

Gefragt, ob eine Reihe seiner Hochbegabten «relativ schnell» ins A-Team aufrücken könnte, lächelte der Nachwuchscheftrainer. «Nö», sagte Kuntz und schob schnell hinterher, dass diese Einschätzung auch mit einer Prise «Egoismus» zu tun habe.

Denn die guten Spieler möchte er möglichst lange in seinem Kader behalten. Jonathan Tah wurde nach dem gebuchten EM-Ticket der U21 gleich weiter zur Auswahl von Joachim Löw beordert. Leroy Sané, Julian Brandt und Timo Werner sind längst oben angekommen.

Der Verzicht auf die Besten ist für einen U21-Nationaltrainer feste Vorgabe, wenn diese eine DFB-Etage weiter oben benötigt werden. «Wir sehen doch, dass der Jogi dabei ist, Talente einzubauen. Das ist doch cool», sagte Kuntz. Natürlich hätte er am liebsten alle Kandidaten in seinem Team. Doch beim EM-Titelgewinn 2017 bewies Kuntz, dass es auch damals ohne Akteure wie Werner, Joshua Kimmich oder Niklas Süle ging. «Das haben wir oft gesehen, was eine gute U21 alles bewirken kann», wies Bundestrainer Löw kürzlich auf die Bedeutung des Unterbaus hin.

Beim Turniererfolg des Nachwuchsteams 2009, als die Auswahl um Manuel Neuer, Mats Hummels, Sami Khedira, Mesut Özil oder Jérôme Boateng erstmals den U21-Titel für Deutschland gewann, prophezeite Löw, dass diese Generation den deutschen Fußball prägen könnte. So kam es – mit dem Höhepunkt des WM-Titels 2014 in Brasilien. Jetzt, neun Jahre später, sind Özil und Khedira nicht mehr dabei. Das Bayern-Trio steht nach dem 0:3 gegen die Niederlande in der öffentlichen Kritik.

Die temporeiche Darbietung der U21-Auswahl beim 2:1 gegen Norwegen in der ersten Hälfte verleitete im Nachgang des 0:3 der A-Mannschaft gegen die Niederlande zum Teil zu euphorischen Einschätzungen. Wie schwer der Weg ins Löw-Team ist, verdeutlichen die Europameister von 2017. Nur Serge Gnabry und Thilo Kehrer zählen zum aktuellen Löw-Aufgebot. Yannick Gerhardt, Max Meyer und Maximilian Arnold kamen von den Titelgewinnern immerhin schon im A-Team zum Einsatz, wenn auch nur sporadisch. Bekommen diese Europameister zu wenig Chancen – oder haben sie nicht die höchste Qualität? Das ist beim Umbruch des entthronten Weltmeister-Teams eine große Frage.

Aus der U21-Mannschaft, die sich gerade für die EM-Endrunde im kommenden Jahr in Italien und San Marino qualifizierte, durften sich bislang Tah und Benjamin Henrichs oben beweisen. Er fühle sich in beiden Teams wohl, sagte Tah. «Ich bin dankbar, dass ich bei der U21 Kapitän sein darf.» Er war gegen Norwegen der Abwehrstabilisator.

«Es ist ein tolles Zeichen vom Bundestrainer, dass er mich für das Spiel in Frankreich dabei haben möchte», sagte Tah. «Ich glaube, dass in der U21 sehr viel Potenzial steckt.» Gegen die Skandinavier überzeugten neben Tah vor allem der Gladbacher Florian Neuhaus, der Berliner Arne Maier und Luca Waldschmidt vom SC Freiburg. Die Nationalmannschaft sei aber noch weit weg, wiegelte der 22-jährige Waldschmidt ab: «Ich bin froh, dass ich jetzt zum ersten Mal in der U21-Quali von Anfang an spielen durfte». Tah hofft, dass möglichst viele seiner U21-Kollegen ins A-Team aufsteigen. «Aber Hellseher bin ich jetzt nicht.»

Wenn die U21 am Dienstag (18.15 Uhr) zum für die EM-Qualifikation unwichtigen Spiel in Heidenheim gegen Irland antritt, fehlen außer Tah auch die angeschlagenen Eduard Löwen und Cedric Teuchert sowie Benjamin Henrichs, der zur AS Monaco mit dem neuen Trainer Thierry Henry zurückkehrte. «Schauen wir, wem wir so alles Spielpraxis geben können. Wir gehen zu großen Teilen schon in eine kleine Testphase, um zu sehen, was wir noch für Jungs auf der Platte haben», sagte Kuntz.

Fotocredits: Nicolas Armer
(dpa)