Digitaltechnik schneidert Kleidung nach Maß

München – In der Bekleidungsbranche ist die Massenware nicht mehr unangefochten: Dank Digitalisierung und veränderten Kundenbedürfnissen könnten sowohl die individuelle Anfertigung als auch die Textilproduktion in Europa in den kommenden Jahren eine zumindest teilweise Renaissance erleben.

Das hätte nicht nur für die Kunden Vorteile, sondern auch für die Bilanzen der Hersteller – und die Umwelt, sagen Fachleute. «Es könnte wesentlich weniger Ausschussware produziert werden», sagt Christian Kaiser, Professor für Textiltechnologie an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen.

«Die Umweltbelastung würde stark reduziert.» Denn Textilfabriken verbrauchen viel Wasser, auch Färben und Imprägnieren belastet die Umwelt. Kaisers Hochschule kooperiert eng mit den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF), einer führenden Denkfabrik für die deutsche Bekleidungsbranche.

Digitale Fertigungsmethoden erlauben eine rasante Beschleunigung der Produktionszyklen. Technisch wäre es heute schon machbar, den Kunden im Geschäft per Bodyscanner die Maße abzunehmen und die Daten an die Fabrik zu übermitteln. Jacke, Kleid oder Hose könnten dann innerhalb kürzester Zeit in den Wunschfarben produziert werden. Auf der
Münchner Sportmesse Ispo präsentierten die Hochschule, DITF und Kooperationspartner aus der Industrie eine digitale Musteranlage namens «Micro Factory».

Die Textilbranche hat traditionell lange Vorlaufzeiten: eine Kollektion im Winter, eine im Sommer. «Das reicht heute nicht mehr», meint Kaiser. «Viele Kunden wollen alle paar Wochen etwas Neues.» Und die notwendige schnelle Reaktion auf Kundenwünsche könnte nach Kaisers Einschätzung dazu führen, dass in einigen Jahren wieder mehr Bekleidung in Europa hergestellt wird. Denn steht die Fabrik in Bangladesch, dauert die Auslieferung länger.

Hinzu kommt, dass die Konfektionsware von der Stange an Attraktivität verliert. In der Sportbranche sind individualisierte Produkte auf Kundenwunsch einer der großen Trends. Bisher war das hauptsächlich auf Schuhe beschränkt, doch Bekleidung wird folgen. Denn digitale Fertigungsmethoden ermöglichen die Herstellung auch kleiner oder kleinster Serien, bis hin zum Einzelstück. Ein großer Vorteil für die Textilindustrie wären reduzierte Lagerkosten, da weniger Ware auf Halde liegt oder am Ende mangels Käufern sogar vernichtet wird.

«Das ist ein großes Zukunftsthema», sagt Hortense Carlier, Produktmanagerin bei North Face, einem US-Hersteller von Outdoorbekleidung. Im Marketingjargon heißt der Trend «Customising», den altmodischen Begriff Maßanfertigung verwendet heute kaum noch jemand. Beides ist auch nicht ganz identisch, «Customising» bedeutet bislang häufig die Wahl eines individuellen Designs durch die Kundschaft.

North Face bietet bisher ausschließlich Konfektionsware an. Eine nach Firmenangaben aus der Medizintechnik übernommene Fertigungsmethode soll es nun erlauben, Luftdurchlässigkeit und wasserabweisende Eigenschaften bei Jacken künftig zu «tunen», also individuell anzupassen. Die ersten Produkte mit dem neuen Material sollen im Herbst auf den Markt kommen, die Fertigung auf Kundenwunsch hält Carlier im nächsten Jahrzehnt für möglich – ungefähr von 2021 an.

Fortschritt ist in diesem Fall nicht gleichbedeutend mit Neuheit. Noch in den 50er Jahren boten führende Sportgeschäfte im Alpenraum Maßanfertigung von Bergschuhen oder Mänteln, bis die Kosten zu hoch wurden.

Und heute? «Die Schuhindustrie ist ein bisschen voraus», sagt North Face-Managerin Carlier. In der Tat: Adidas bot seit 2015 individualisierte Schuhe an, hat das allerdings kürzlich ohne nähere Erklärung wieder eingestellt.

Doch am Trend ändert das nichts. Die Entwicklung wird im Wesentlichen von drei Faktoren getrieben: Neben dem geändertem Kundenverhalten und der Digitalisierung spielt der knallharte Wettbewerb in der Bekleidungsbranche eine große Rolle.

Die Sportindustrie ist Vorreiter, weil Sportbekleidung in der Regel teuer ist, die Kunden ebenso anspruchsvoll wie willig, Geld auszugeben. «Der Sportmarkt ist heiß umkämpft», sagt Mathias Böhnke, Vorstand bei der Sporthandelskette Intersport. Die jahrelang starke Expansion im Outdoor-Markt hat sich nach Angaben der European Outdoor Group – dem Fachverband der europäischen Industrie – 2018 auf ein Wachstum im «unteren einstelligen Bereich» verlangsamt. «Eine Reihe von Marken berichtet von sinkenden Zahlen», sagt EOG-Präsident Mark Held. Das verschärft den Innovationsdruck.

Auch für den von immer stärker werdender Online-Konkurrenz bedrängten Einzelhandel bedeutet die Individualisierung einen Hoffnungsschimmer. «Das Thema Customising ist ein absoluter Megatrend», sagt Andreas Rudolf, Geschäftsführer der Sporthandelskette Sport 2000. Bei Skischuhen etwa ist zwar nicht die individuelle Fertigung Standard, wohl aber die individuelle Anpassung im Laden. Die bringt höhere Renditen für die Händler. «Was den Ertrag betrifft, ist der Skischuh bei uns Cash Cow», sagt Rudolf. Sowohl Händler als auch Hersteller hoffen, dass sich dieses Geschäftsmodell von den Füßen auf den restlichen Körper ausdehnen lässt.

Fotocredits: Tobias Hase
(dpa)