Isländer ein «bisschen zahnlos»

Wolgograd – Und dann auch noch dieser Regen. Als sei die erste Niederlage bei einer WM, das erste große Turnierspiel ohne eigenes Tor und das drohende Vorrunden-Aus nach dem 0:2 gegen Nigeria nicht schon genug der schlechten Erfahrungen für Islands Fußballer.

Zu allem Überfluss ging kurz vor dem Frust-Training noch der erste richtig heftige Wolkenbruch am bislang so sonnigen Teamquartier an der Schwarzmeerküste nieder. Aber irgendwie passte das ja. Denn ebenso neu und ungewohnt war über einen zu langen Zeitraum die Leistung im zweiten Gruppenspiel. «Unsere Strategie war nicht falsch. Wir waren aber vielleicht nicht ganz wir selbst, vielleicht waren wir ein bisschen zahnlos», meinte Trainer Heimir Hallgrímsson . Mit nur einem Punkt steht sein Team in Russland vor dem Aus.

Mit dem torlosen Remis zur Halbzeit war der Nachfolger von Lars Lagerbäck zufrieden. Bis dahin stimmte für Hallgrímsson noch die Strategie. Das frühe Kontertor (49. Minute) von Ahmed Musa, der später noch nachlegte (75.), änderte dann alles. «Das hat das Spiel gedreht. Wir mussten weiter nach vorne rücken und mehr ins Risiko gehen», erläuterte Hallgrímsson, im Nebenberuf Zahnarzt.

Mit einem 1:1 gegen Vizeweltmeister Argentinien hatte Island noch ein starkes WM-Debüt gegeben. Diesmal konnte der frühere Hoffenheimer Gylfi Thór Sigurdsson aber selbst einen nach Videobeweis gegebenen Foulelfmeter (83.) nicht verwandeln.

«Es ist merkwürdig, dass wir noch immer im Rennen sind», erkannte Hallgrímsson den einzigen tröstlichen Aspekt nach der verdienten Niederlage. Island hat das Weiterkommen vor dem abschließenden Gruppenspiel am Dienstag (20.00 Uhr/ARD) in Rostow am Don gegen die bereits qualifizierten Kroaten nicht mehr in der eigenen Hand. Die Nordeuropäer müssen ihren WM-Premierensieg holen. Und dann müssen auch noch Nigeria und Argentinien mitspielen. Erst dann wäre der EM-Viertelfinalist von 2016 doch noch im Achtelfinale.

«Wir müssen und wir wollen auch gegen Kroatien gewinnen», versicherte Kapitän Aron Gunnarsson von Cardiff City. Sehr viel Druck, sehr viel Zwang – sonst ist die erste WM für Island schon nach der Gruppenphase vorbei. «Wir sind nicht davon ausgegangen, dass wir durch eine Weltmeisterschaft ohne Niederlage kommen, und Niederlagen sind immer schwer zu verdauen. Wir müssen aber nur Kroatien schlagen, was wahrscheinlich leichter gesagt als getan ist», drückte Hallgrimsson das Szenario arg vereinfacht aus.

Immerhin kennen die Isländer die Kroaten nach mehreren direkten Duellen in der jüngeren Vergangenheit bestens. Sie wissen, dass eine willens- und kampfstarke Truppe auf sie wartet. «Wir sind wie ein Ehepaar», sagte Hallgrímsson, «wir versuchen, uns scheiden zu lassen, treffen aber immer wieder aufeinander.» Selbst wenn Island als Sieger aus dieser Scheidung herausgeht, könnte das zu wenig sein.


(dpa)

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