Geisterspiele-Diskussion: Liga-Fortsetzung um jeden Preis?

Berlin – Die Fußball-Bundesliga feilt an einer schnellen Rückkehr in den Spielbetrieb. In leeren Stadien soll die Saison zu Ende gespielt werden – und zwar möglichst bis zum 30. Juni.

Vor der nächsten DFL-Mitgliederversammlung am Donnerstag ist der Optimismus der Verantwortlichen gestiegen, die Saison in absehbarer Zeit fortsetzen zu können. Die Entscheidung über einen Starttermin liege «selbstverständlich bei den zuständigen politischen Gremien», teilte die DFL mit. Dabei gibt es viele Interessengruppen, die mitreden möchten. Ein Stimmungsbild.

DIE POLITIK: Die Ministerpräsidenten Markus Söder (Bayern/CSU) und Armin Laschet (Nordrhein-Westfalen/CDU) hatten am Montag den 9. Mai als möglichen Termin in Aussicht gestellt. Das Bundesinnenministerium widersprach und ist gegen die vorzeitige Festlegung eines Termins. Die Sportministerkonferenz sprach von Mitte/Ende Mai als mögliche Zeitspanne. Einigkeit scheint aber darüber zu bestehen, dass wieder gespielt werden soll – auch, um der Bevölkerung ein Stück Normalität wiederzugeben. Dem gegenüber steht die Kritik, dass der Fußball keine Sonderrolle zugesprochen bekommen dürfe.

BUND DEUTSCHER FUßBALL-LEHRER: Für den Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) sind Geisterspiele die absolute Notlösung. «Zu einem Bundesligaspiel, wie wir es uns vorstellen, gehören Fans. Ohne diesen äußeren Rahmen gehen alle damit verbundenen Emotionen verloren», sagt BDFL-Präsident Lutz Hangartner. Eine Fortsetzung der Bundesliga kommt für ihn nur in Frage, wenn gesundheitliche Risiken ausgeschlossen werden können. «Ich bin der Auffassung, dass die DFL in Abstimmung mit den Clubs unter Abwägung aller Sicherheitsaspekte (…) zu einer einvernehmlichen Entscheidung über die Fortführung der Spiele kommen wird.»

SPIELERVERTRETUNG: Für die Spielergewerkschaft VDV steht die Gesundheit der Profis im Vordergrund. «Die Spieler möchten natürlich auch, dass der Ball möglichst bald wieder rollen kann», sagt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky der Deutschen Presse-Agentur, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass dies aus medizinischer Sicht verantwortbar sei. Im Training werde schon jetzt auf Hygiene und Abstandsregelungen geachtet. «Es gilt das Motto: Torschussübungen statt Zweikampfschulungen.» Die Idee, die Spieler im Falle einer Saisonfortsetzung zu isolieren, lehnt Baranowsky ab. Die Sportler stünden einer solchen Maßnahme skeptisch gegenüber, und auch die Arbeitsverträge würden derartige Quarantäne-Lager nicht vorsehen. «Die Spieler bezweifeln zudem, dass sich dadurch das Infektionsrisiko ganz erheblich reduzieren ließe», betont er.

FANS: Für die Fan-Szene geht es bei der Diskussion um mehr als leere Stadionränge. Die Organisationen nehmen den Profifußball in die Pflicht und wollen die näher rückenden Geisterspiele in der Bundesliga nicht hinnehmen, ohne dass ein Wertewandel eingeleitet wird. «Wir möchten nicht mehr über Symptome diskutieren, sondern endlich über die Krankheit und die Wege zur Gesundung des Fußballs sprechen», fordert die Organisation «Unsere Kurve». Der «neue Fußball» brauche Visionäre, um eine Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlicher Verantwortung herzustellen. Die Ultras der «Fanszenen Deutschland» haben sich schon vergangene Woche gegen Spiele ohne Zuschauer ausgesprochen und ebenfalls einen Kulturwandel gefordert. «Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne», heißt es in einer Erklärung.

SPIELERVERMITTLER: Auch für die Vereinigung deutscher Spielervertreter (DFVV) steht die Gesundheit aller Beteiligten im Vordergrund. Nur wenn diese gewährleistet sei, könne auf wirtschaftliche Belange Rücksicht genommen werden, sagt DFVV-Präsident Georg Reiter. Der Fußball müsse mit seiner Disziplin ein Beispiel für die Gesellschaft sein. «Lockerungen dürfen nicht dazu führen, dass wir uns in falscher Sicherheit wiegen», betont Reiter. Es brauche in der momentanen Situation das notwendige Augenmaß. Dazu zähle auch, die Vereine der unteren Ligen nicht zu vergessen, «denen Geisterspiele nicht nur nichts bringen, sondern für sie meiner Meinung nach logistisch gar nicht darstellbar sind».

POLIZEIGEWERKSCHAFTEN: Die Gewerkschaft der Polizei (GDP) zweifelt am Sinn einer Bundesliga-Fortsetzung während der Epidemie. «Auch ohne Seuche ist Fußball sehr personalintensiv für die Polizei», sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende Jörg Radek. Es bestehe die begründete Gefahr, dass Fans sich trotz eines Kontaktverbots vor den Stadien versammeln, um ihre Mannschaften zu unterstützen. «Fußballspiele würden dann für die Polizei einen noch höheren Personalaufwand bedeuten», außerdem bestünde eine erhöhte Ansteckungsgefahr. Auch Erich Rettinghaus, NRW-Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, hält Spiele ohne Zuschauer für problematisch. «Derartige Veranstaltungen, welche auch mit gebündelten Anreisen von Fangruppen einhergehen, würden uns schon vor personelle Herausforderungen stellen», sagt Rettinghaus.


(dpa)

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