Jung und forsch: Klamme Schalker müssen auf Nachwuchs setzen

Gelsenkirchen – Die Sieglos-Rekordserie interessiert David Wagner herzlich wenig. Der Trainer des FC Schalke 04 hat genug damit zu tun, Lösungen im dicht getakteten Restprogramm der Fußball-Bundesliga zu finden.

Dabei erweist sich der wegen einer unfassbaren Verletzungsproblematik erzwungene Weg, auf junge und hungrige Spieler zu setzen, nicht als der schlechteste. Immer deutlicher wird, dass der 48 Jahre alte Fußball-Lehrer mit Blick auf die kommende Spielzeit die richtige Mischung aus vielen Talenten und wenigen erfahrenen Profis mit Führungsqualitäten finden muss.

Einen Vorgeschmack bekamen die Schalke-Fans beim achtbaren 1:1 gegen den Champions-League-Anwärter Bayer Leverkusen. Weil zehn Profis fehlten, schickte Wagner eine Rasselbande mit einem Altersschnitt von 23,45 Jahren ins Rennen, die dem spielerisch überlegenen Gegner ordentlich zu schaffen machte. Von den Startelf-Spielern waren nur Bastian Oczipka (31 Jahre), Alessandro Schöpf (26) und Kapitän Caligiuri (32) älter als 23.

Im 13. Spiel nacheinander ohne Erfolg war wieder die Handschrift zu erkennen, die Schalke (mit stärkerem Personal) in der Hinrunde unberechenbar gemacht und auf den fünften Platz geführt hatte. Lange sah es sogar so aus, als könnten nach Caligiuris Führung in der 51. Minute per Handelfmeter Laufbereitschaft und Kämpferherz genügen, um den Pokalfinalisten in die Knie zu zwingen.

Wagner lobte die Elf mit den beiden Bundeslisga-Debütanten Can Bozdogan und Jonas Hofmann: «Ich bin absolut damit einverstanden, wie meine Mannschaft aufgetreten ist, wie sie sich gewehrt hat. Wir haben gezeigt, dass wir trotz der angespannten Personallage zusammenstehen und fighten. Der Einsatz bei allen Spielern hat gestimmt.»

Doch ein Eigentor von Juan Miranda (81.) bescherte dem Starensemble um Kai Havertz noch einen Zähler und Schalke die geschichtsträchtige Negativ-Serie. «Wer weiß, vielleicht ist dieser Punkt noch mal ganz wichtig für uns», orakelte Bayer-Coach Peter Bosz, dessen Team den Rivalen Mönchengladbach überholte und die Königsklassen-Qualifikation selbst in der Hand hat.

Wagner wird den Jugendweg weiter beschreiten müssen. Geld für Neuzugänge ist beim klammen Club nicht vorhanden. Caligiuri wird wohl nach Augsburg wechseln. Ob Anführer Benjamin Stambouli erhebliche finanzielle Einbußen für einen neuen Vertrag in Kauf nehmen will, ist offen. Das halbe Dutzend zurückkehrender Leihspieler hilft Schalke nicht viel weiter. Der zum FC Bayern wechselnde Keeper Alexander Nübel, der sein riesiges Potenzial gegen Bayer zeigte, reißt eine Lücke. Geliehene Talente wie Jean-Clair Todibo und Miranda (beide FC Barcelona) und Jonjoe Kenny (FC Everton) sind kaum zu halten.

Viele fragen sich, ob Wagner mit wenig Mitteln ein vielversprechendes Team um Top-Talente wie Ozan Kabak, Weston McKennie und Suat Serdar entwickeln kann. Um die Sympathie-Werte nicht vollends in den Keller rauschen zu lassen, muss der Vorstand fatale Kommunikationspannen wie bei der umstrittenen Härtefall-Regelung und der emotional diskutierten Trennung von 24 Kleinbusfahrern für die Nachwuchsspieler der Knappenschmiede künftig unbedingt vermeiden.

Auf das nach dem Aus von Finanzchef Peter Peters verbliebene Vorstandsduo Jochen Schneider und Alexander Jobst sowie Kaderplaner Michael Reschke wartet eine Herkulesaufgabe. Den Nachweis, es besser zu können als einige Vorgänger, die den Club durch Misswirtschaft und verfehlte Transferpolitik – verstärkt durch die Corona-Krise – an den Rand der Insolvenz führten, blieb die Führungscrew bisher schuldig.

Und wenn der übermächtige Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies nicht aufhört, aus Eitelkeit übertriebene Fan-Erwartungen zu schüren, droht Schalke der schmerzhafte Weg anderer Traditionsclubs wie dem Hamburger SV und dem VfB Stuttgart – geradewegs in die 2. Liga.


(dpa)

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