Klopp zu Wolf-Wahl: «Überragende Entscheidung»

Neu-Isenburg – Im Anzug und mit roter Fliege standen die 25 Absolventen des Fußballlehrer-Lehrgangs auf der Bühne, und man sah ihnen an, dass sie vor Stolz und Tatendrang schier platzten. Sind das die neuen Nagelsmänner, Tedescos – oder Wolfs?

Hannes Wolf hat nach eigenen Worten schon «die volle Wucht» des Profigeschäfts erwischt, als er Ende Januar beim VfB Stuttgart beurlaubt wurde. Dennoch wurde er vom DFB am Montag als «Trainer des Jahres 2017» ausgezeichnet. «Es ist nicht wichtig, wann man anfängt, sondern wie lange man dranbleibt», sagte Star-Coach Jürgen Klopp.

In seiner Videobotschaft plädierte der Trainer des FC Liverpool für Geduld und Beharrlichkeit – sowohl bei den Trainer-Talenten als auch den Verantwortlichen der Clubs. «Im Gegensatz zu früher, als ein Jupp Heynckes scheitern durfte, als ein Felix Magath scheitern durfte, als ein Udo Lattek scheitern durfte, als ganz viele scheitern durften und immer noch einen Job bekommen haben, sieht’s heutzutage so aus, als müssten sie sofort vom ersten Tag an funktionieren – und wenn das nicht klappt, dann können sie nichts. Das ist Quatsch!», redete Klopp der Fußball-Nation ins Gewissen.

Beim Festakt in Neu-Isenburg saßen auch alte Haudegen wie Otto Rehhagel, Eckhard Krautzun und der für sein Lebenswerk geehrte Erich Rutemöller im Publikum. «Wir hatten auch Druck, uns haben die Medien auch unangenehme Fragen gestellt, aber heute ist alles ein bisschen schneller, manchmal auch gemeiner und vielleicht sogar hinterhältiger geworden», sagte der frühere Nationalmannschafts-Assistent von Rudi Völler und DFB-Chefausbilder Rutemöller (73). «Die jungen Trainer werden durch die verschiedenen Einflüsse von außen unsicher gemacht.»

Für den derzeit beschäftigungslosen Wolf kam die Auszeichnung «genau zum richtigen Zeitpunkt». Geehrt wurde der 36-Jährige, Nachfolger des Hoffenheimer Senkrechtstarters Julian Nagelsmann, für seine Erfolge mit der Jugend von Borussia Dortmund und für den Wiederaufstieg mit dem VfB Stuttgart in die Bundesliga. «Das ist mal eine ausgesprochen überragende Entscheidung – in einer Welt, in der Trainer nur nach dem letzten Ergebnis bewertet werden», lobte Klopp. Er hatte Wolf einst zum BVB geholt.

An die Absolventen der Hennes-Weisweiler-Akademie gewandt, sagte der frühere Dortmunder Meistercoach: «Das klingt so, als wäre es ein reines Geschenk für die jungen Trainer, dass so viele auf den Markt losgelassen werden. Aber wie ich weiß, ist es ein langer Weg.»

Den schnellen Verschleiß an Fußballlehrern kann man gerade gut beim Abstiegskandidaten Hamburger SV beobachten, wo Bernd Hollerbach nach nur sieben Spielen wieder gehen musste und sich sein Nachfolger Christian Titz bereits nach der ersten Partie gegen Kritik wehren muss.

Der scheidende Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung, Frank Wormuth, hat sich daran längst gewöhnt. «Entlassung ist normal in der Branche», befand er. Die Hire-and-Fire-Politik in der Bundesliga? «Ich hab‘ das Gefühl, dass das schon immer so war. Die Statistik sagt klipp und klar, dass Mannschaften, deren Trainer beurlaubt werden, anschließend auch nicht besser spielen. Ausnahmen bestätigen die Regel», erklärte Wormuth.

DFB-Präsident Reinhard Grindel wünschte den Absolventen, von denen der Leipziger U19-Coach Robert Klauß wie einst der heutige Schalker Erstliga-Trainer Domenico Tedesco Jahrgangsbester war: «Ich hoffe, dass sie auch geduldige Sportvorstände finden.» Und im Hinblick auf die ständige Debatte um den psychischen Druck in der Branche sagte er: «Ich glaube, dass es auch eine Stärke sein kann, Schwäche zu zeigen.» Wolf will im Übrigen «natürlich» auf die Trainerbank zurück.


(dpa)

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