Neumann: Kampf um das sportliche Talent «voll entfacht»

Paris – Beim 42. Ryder Cup in Paris steht kein deutscher Profi-Golfer im Team Europa. Deutschlands bester Spieler, Martin Kaymer, war in dieser Saison außer Form und konnte sich nicht zum fünften Mal für das größte Golf-Event der Welt qualifizieren.

Über die Situation im deutschen Golfsport hat die Deutsche Presse-Agentur mit dem Vorstand Sport des Deutschen Golf Verbandes, Marcus Neumann, gesprochen.

Der Ryder Cup in Paris wird diesmal ohne deutsche Beteiligung stattfinden. Diese Situation muss doch für den Deutschen Golf Verband unbefriedigend sein…

Marcus Neumann: Auch wenn Martin Kaymer oder ein anderer deutscher Tourspieler in Paris abschlagen würde, den Zustand der Zufriedenheit gibt es für uns als Sportverband nicht. Die Situation ist aber durchaus so, dass derzeit so viele deutsche Profis auf den Touren spielen wie nie zuvor – Tendenz steigend. Sportkonzeptionell sind wir im DGV sehr gut aufgestellt und sicher auf sportwissenschaftlicher Höhe der Zeit. Ob alle noch so intensiven Bemühungen letztlich dazu führen, dass ein absoluter Weltstar geboren wird, ist nicht planbar.

Deutschland gehört zu den größten und wichtigsten Golfmärkten in Europa. Warum gelingt es hier im Gegensatz zu Großbritannien, Skandinavien, Spanien oder Frankreich nicht, eine breite Basis an jungen, guten Profis auf der Tour zu etablieren?

Neumann: In anderen Ländern hat Golf einen anderen Stellenwert, ist noch viel mehr Breitensport als bei uns. In Großbritannien gibt es quasi an jeder Straßenecke einen Golfplatz, die sogenannten Barrieren sind oft niedriger, wie zum Beispiel auch in Skandinavien. Dort kommen Kinder oft viel leichter in Kontakt mit Golf. Aus der großen Masse bleiben dann auch mehr talentierte Spieler übrig, die den Sprung auf die Touren versuchen und vielfach auch schaffen. Und es ist auch eine Frage der Finanzierung. Unsere finanziellen Möglichkeiten aus Eigenmitteln sind begrenzt, Fernseheinnahmen oder ähnliches gibt es nicht, die nahezu komplette Sportförderung wird aus den Beiträgen der Golfgemeinschaft gestemmt.

Im Jugend- und Juniorenbereich hat der DGV oft starke Spieler hervorgebracht, doch der Sprung ins Profilager gestaltete sich meist schwierig. Wie kann der DGV diese Talente noch besser fördern, damit diese auf den großen Touren bestehen können?

Neumann: Die Umstellung unseres Wettkampfsystems und der Förderstrukturen und -abläufe braucht bis zur Entfaltung und Wirkung über alle Ebenen noch Zeit. Wir hatten schon in der ersten Olympiade bis Rio begonnen, neue strukturelle Elemente einzuziehen, unter anderem das Golf Team Germany gegründet, welches Profis inkludiert. Allerdings sind gerade dort im Profisegment die Mittel für uns sehr begrenzt. Wir wissen auch, dass wir, so gut es geht, hochindividuelle Fördersituationen aufbauen müssen.

In Deutschland waren 2017 über die Hälfte der 645.000 Mitglieder älter als 56 Jahre. Im Segment 7 bis 20 Jahren sind es gerade einmal rund 48.000. Warum ist es schwierig, die Jugend für den Golfsport zu begeistern?

Neumann: Leistungssport in Deutschland ist über alle Sportarten hinweg kein Selbstläufer mehr – so auch der Golfsport. Der Kampf um das sportliche Talent ist auch angesichts des sich rapide verändernden Freizeit- und Sozialverhaltens in der Gesellschaft unter den Sportverbänden und den Freizeitangeboten voll entfacht. Eine gelingende und authentische Willkommenskultur in den Golfclubs ist der Schlüssel zu mehr Kindern und einem guten Altersmix im Club. Drei Faktoren werden wir zukünftig stärken: Spaßerlebnis, sportlicher Fortschritt sowie das soziale Wohlfühlen. Zudem ist das Projekt Abschlag Schule 2.0 weiterhin der wesentliche Hebel für den DGV im Jugendbreitensport. Nur über die Institution Schule lassen sich ausreichend viele Interessenten generieren.

Deutschland hat versucht, den Ryder Cup 2022 nach Berlin zu holen. Steht der DGV für eine weitere Initiative in dieser Richtung zur Verfügung? Gibt es Pläne?

Neumann: Aktuell gibt es im DGV keine Pläne für eine erneute Bewerbung. Wenn sich die Vergabe- und Rahmenbedingungen für einen Verband wie den DGV mit entsprechenden Partnern als akzeptabel herausstellen würden, dann wäre die Austragung eines Ryder Cups in Deutschland weiterhin ein grandioses Sportprojekt mit enormer Strahlkraft.

ZUR PERSON: Marcus Neumann (55), ist im Vorstand des Deutschen Golf Verbandes als Sportdirektor auch für den Leistungssport zuständig. Der gebürtige Bochumer war von 2000 bis 2012 Bundestrainer; er ist seit 1986 PGA-Golfprofessional.


(dpa)

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