Portugal ohne Ronaldo: Europameister vor großem Umbruch?

Chorzow – Portugal ohne Cristiano Ronaldo. Diesen tiefen sportlichen Einschnitt, der dem Fußball-Europameister von 2016 in absehbarer Zeit ohnehin bevorsteht, können die Portugiesen am Donnerstagabend in der Nations League schon einmal proben.

Denn für das Länderspiel in Polen (20.45 Uhr) ist der dreimalige Weltfußballer des Jahres nicht nominiert worden. Ein Zusammenhang mit den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Ronaldo lässt sich nicht belegen. Er liegt aber nicht nur vom Zeitpunkt her auf der Hand.

Am letzten September-Wochenende berichtet das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» über den Vorwurf der Amerikanerin Kathryn Mayorga, der Fußballstar habe sie 2009 in Las Vegas vergewaltigt. Am 3. Oktober weist Cristiano Ronaldo die Anschuldigung zurück. Am 4. Oktober kommt es zu einem Gespräch zwischen Portugals Kapitän, Nationaltrainer Fernando Santos und Verbandspräsident Fernando Gomes, der sich ansonsten aus sportlichen Fragen heraushält. Danach wird die Nicht-Nominierung bekanntgegeben.

Eine Distanzierung von ihrem wichtigsten und bekanntesten Spieler lässt sich aus dem Verhalten der Portugiesen allerdings auch nicht herauslesen. Denn genau wie Ronaldos Verein Juventus Turin und Ronaldos Sponsor Nike das zuvor schon getan hatten, stellte sich auch Nationalcoach Santos vor seinen Stürmerstar. «Das ist keine Frage der Solidarität», sagte er. «Ich glaube an das, was der Spieler dazu veröffentlicht hat. Ich kenne Ronaldo gut und ich glaube voll und ganz, was er sagt. Er würde das Verbrechen, dessen er beschuldigt wird, nicht begehen. Ich glaube das einfach nicht.»

Portugal ohne Ronaldo. Wie das sportlich funktionieren soll, muss sich Fernando Santos nun schon an diesem Donnerstag überlegen. Der große Umbruch steht dem Europameister ohnehin bevor, denn sein Kapitän und wichtigster Spieler ist bereits 33 Jahre alt. Aus seiner Generation hat sich mittlerweile jeder bis auf den Verteidiger-Veteran Pepe (35) aus der Nationalelf verabschiedet.

Die Abnabelung von Ronaldo dürfte den Portugiesen aber nicht nur deshalb schwer fallen, weil die Abhängigkeit von ihm bislang so groß war. Trainer Santos ist außerdem noch jemand, der lieber an Bewährtem festhält, anstatt Neues zu wagen.

André Silva (22) vom FC Sevilla, Renato Sanches (21) vom FC Bayern München oder Bernardo Silva (24) von Manchester City: Große Talente gibt es in Portugal auch in dieser Dekade genug. Nur zögert der 64-jährige Santos damit, sie auch alle gemeinsam einzubauen. Auch deshalb gab es bei den Portugiesen nach dem überraschenden EM-Triumph 2016 keinen neuen Schwung, keine spielerische Weiterentwicklung, keine Vision für die nächsten Turniere. Bei dem schwach besetzten Confed Cup war ein Jahr später im Halbfinale Schluss, bei der WM 2018 scheiterte der Europameister schon im Achtelfinale an Uruguay.

Die Nations League ist Santos deshalb wichtig. «Wir haben Ambitionen, wir wollen beim Final Four dabei sein», sagte er vor dem Spiel in Polen. Und seinen eher konservativen Kurs verteidigte er auch. «Wir versuchen, immer einen harten Kern an Nationalspielern konstant zu halten. Deshalb gibt es bei den Berufungen nur wenige Änderungen.» Vom Verzicht auf Cristiano Ronaldo einmal ganz abgesehen.


(dpa)

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