Wolgograd – Gernot Rohr ließ sich nicht hetzen. Der 64 Jahre alte Trainer nahm sich nach dem ersten Sieg seiner Nigerianer bei der Fußball-WM in Russland viel Zeit und beantwortete geduldig die Fragen der Journalisten.
Mit einem seligen Lächeln schritt Rohr durch die sogenannte Mixed Zone und reagierte auch äußerst entspannt auf seinen drängelnden Pressesprecher. Denn Nigeria flog nur kurz nach dem 2:0 (0:0) in Wolgograd gegen enttäuschende Isländer wieder zurück ins mehr als 500 Kilometer entfernte Mannschaftsquartier in Essentuki.
Rohr begann noch im Flieger mit der Vorbereitung auf den nächsten Gegner: Vizeweltmeister Argentinien. «Das wird ein Gruppenfinale», konstatierte Rohr in der Gewissheit, die Südamerikaner schon mal geschlagen zu haben. Der Wahlfranzose dachte dabei an das Freundschaftsspiel in Krasnodar im November 2017. Damals gewannen die Super Eagles mit 4:2 gegen Argentinien – allerdings fehlte Superstar Lionel Messi.
Nigeria hat nun sein Finale in Gruppe D – und das Erreichen der K.o.-Runde in der eigenen Hand. Mit einem Sieg gegen Messi & Co. am 26. Juni in St. Petersburg haben die Afrikaner ihr viertes WM-Achtelfinale der Geschichte auf alle Fälle sicher. Selbst ein Unentschieden könnte reichen. Bei einer Niederlage müssten die Nigerianer ihre Hoffnungen indes begraben.
Dass Rohrs Mannschaft überhaupt in dieser Lage ist, hat natürlich mit dem Sieg gegen Island zu tun. Nach einer von beiden Mannschaften komplett enttäuschenden ersten Halbzeit drehten die Afrikaner nach dem Wechsel auf. Vor 40.904 Zuschauern sorgte Ahmed Musa mit seinen beiden Treffern (49. Minute, 75.) für Glücksgefühle bei den Super Eagles. Der frühere Hoffenheimer Gylfi Thór Sigurdsson verschoss sogar noch einen Foulelfmeter (83.).
Die Isländer boten nach dem starken 1:1 gegen Argentinien hingegen eine deprimierende Vorstellung. Nigeria habe im Umschaltspiel «sehr gut» agiert, konstatierte Trainer Heimir Hallgrímsson. «Hochachtung vor Trainer Rohr, der einen guten Job gemacht hat.» So gut, dass die Bilanz von Island in diesem Jahr so aussieht: sechs Länderspiele, zwei Unentschieden, vier Niederlagen.
Dennoch kann die Mannschaft um den Augsburger Alfred Finnbogason das Achtelfinale erreichen. Voraussetzung ist allerdings der erste WM-Sieg Islands. Dieser muss am Dienstag gegen die bereits qualifizierten Kroaten gelingen. Und dann müssen auch noch Nigeria und Argentinien mitspielen. «Es ist eine merkwürdige Situation, dass wir immer noch im Rennen sind», merkte Hallgrímsson an. Merkwürdig, aber noch nicht aussichtslos.
(dpa)