«Spiele, für die man lebt»: Southgate sucht die Begeisterung

London – Gareth Southgate sieht die Dinge gern positiv. Und für Englands Nationaltrainer kommen Fußball-Weltmeister Deutschland und wenig später Brasilien gerade richtig.

«Das ist ein hervorragender Test für uns», bekräftigte der Coach. «Zweimal vor vollem Haus zu spielen, das sind die Spiele, für die man lebt.» Ob er seine Entscheidung schon bereue, die beiden Topteams eingeladen zu haben, fragte ein Reporter angesichts zuletzt schwacher Auftritte der Engländer. Doch Southgate winkte ab. «Ich freue mich auf die Spiele und bin gespannt, wie es läuft.»

Der 47-Jährige hat rund sieben Monate vor der Weltmeisterschaft in Russland zwei schwierige Aufgaben zu bewältigen. Er muss nicht nur sein Team für das Turnier vorbereiten, sondern auch die Fans im Land. Und das scheint momentan die größere Herausforderung zu sein. Denn im sonst so fußballbegeisterten England hält sich die Euphorie um die «Three Lions» trotz der erfolgreichen WM-Qualifikation noch in Grenzen. Denn dafür waren die Auftritte des englischen Teams nicht überzeugend genug. Und die EM-Blamage 2016 – das Achtelfinal-Aus gegen Island (1:2) – ist noch nicht aus den Köpfen.

Ein Erfolg gegen Deutschland könnte die Stimmung vielleicht verbessern. Doch vor dem Länderspiel-Klassiker muss Southgate gleich auf mehrere Stammspieler verzichten, allen voran Toptorjäger und Kapitän Harry Kane von Tottenham Hotspur. Daneben fehlen unter anderen Kanes Vereinskollege Dele Alli, Raheem Sterling (Manchester City) und Jordan Henderson (FC Liverpool) in den beiden Freundschaftsspielen in Wembley. «Ich bin wirklich zufrieden mit dem Kader, den ich hier habe», gab sich Southgate erneut betont optimistisch. «Das erlaubt mir, mit Spielern zu arbeiten, mit denen ich sonst nicht gearbeitet hätte.»

Ob aber die ersatzweise berufenen Jake Livermore (West Bromwich Albion), Michael Keane (FC Everton) und Jack Cork (FC Burnley) eine realistische Perspektive haben, ist zumindest fraglich. Cork, der vor seinem ersten Einsatz in der Nationalmannschaft überhaupt steht, ist schon 28 Jahre alt. Livermore und Keane stecken in der Premier League mit ihren Clubs in der Krise. Hoffnung machen darf sich hingegen Torhüter Jack Butland. Der 24 Jahre alte Keeper von Stoke City könnte die bisherige Nummer eins Joe Hart ablösen. Hart überzeugte bei West Ham United zuletzt nicht.

Skeptiker, die angesichts der Ausfälle vor den Länderspielen von «Zeitverschwendung» sprachen, erinnerte Dauer-Optimist Southgate daran, dass Deutschland beim Konföderationen-Pokal mit vielen jungen Spielern angetreten sei und das Turnier damit gewonnen habe. «Wir werden extrem viel lernen, und ich habe diese Woche schon extrem viel gelernt», erklärte er. «Wenn wir in diesen Spielen nichts ausprobieren, wann wollen wir dann etwas über diese Mannschaften lernen für Russland?»

Als Zeichen der Solidarität laufen beide Teams am Freitag mit «Poppy»-Armbinden auf. Rund um den Remembrance Day erinnert die rote Mohnblüte an Kriegsgefallene. Die starke Geste in allen Ehren – auch ein Freundschaftsspiel zwischen England und Deutschland ist von der Rivalität geprägt. Und wenn es an einer Sache nicht mangeln wird, ist es die Motivation. Seit 1975 konnten die «Three Lions» im Wembley-Stadion nicht mehr gegen den alten Rivalen gewinnen. Sollte es dieses Mal überraschend klappen, wäre das ein Achtungserfolg, der Southgate auch in Sachen Euphorie helfen könnte.


(dpa)

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