1972: Netzer & Co. feiern ersten Sieg in Wembley

Berlin (dpa) – Günter Netzer kommt aus der Tiefe des Raumes. Kapitän Franz Beckenbauer hat alles im Blick. Und der «Bomber der Nation» krönt den historischen Abend mit einem typischen Müller-Tor.

Der erste Sieg einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft in England ist noch heute, 44 Jahre danach, ein beliebtes Stammtischthema. Seit jenem 29. April 1972 gilt die berühmte Wembley-Elf bei Fans und Fachleuten als glanzvollste DFB-Auswahl – zumindest bis zum 7:1 der «Enkel» im furiosen WM-Halbfinale 2014 gegen Gastgeber Brasilien.

Das 3:1 in der Höhle der drei Löwen in London versetzt eine ganze Nation in einen Freudentaumel und ist ein Triumph für die Ewigkeit. Genau 50 Tage später sind Kaiser & Co. auch Europameister. Über das 0:0 im Viertelfinal-Rückspiel in Berlin spricht heute kein Mensch mehr. Aber Netzers Londoner 90-Minuten-Gala bleibt unvergessen.

Der Dauerläufer mit der blonden Mähne wird zum Helden einer Sternstunde des deutschen Fußballs. Als Antreiber, als Spiritus Rector, als Passgeber, als Torschütze. Sein scharf geschossener Foulelfmeter rutscht Englands Keeper Gordon Banks über die Handschuhe und klatscht an den Innenpfosten – 2:1 in der 84. Minute, die Vorentscheidung. Im wohl besten seiner 37 Länderspiele hat Netzer 99 Ballkontakte, fast jeden Quadratmeter auf dem «heiligen Rasen» grast er bei seinen Sturmläufen über 50, 60 Meter ab.

Unvergessen bleiben bis heute die poetischen Lobeshymnen. «Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte ‚thrill’», schwärmt der Londoner FAZ-Korrespondent Karl Heinz Bohrer. Mit dem eiskalt verwandelten Strafstoß habe Netzer «seine triumphale Leistung gekrönt», schreibt der Sportjournalist Ludger Schulze. «Netzer schwang den Taktstock, und alle tanzten nach seiner Melodie, auch Franz Beckenbauer an diesem Tag.» TV-Reporter Werner Schneider spricht von einer «Sensation des Weltfußballs» durch die ersatzgeschwächte Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön.

Reif fürs Zitaten-Kabarett ist der (verbürgte) Kabinendialog der beiden kongenialen Regisseure vor dem Spiel. Netzer zu Beckenbauer: «Du, wenn wir heute keine fünf Tore kriegen, haben wir ein gutes Resultat erzielt.» Beckenbauer zu Netzer: «Ja mei…»

Ein 20-jähriger Jungspund namens Uli Hoeneß bringt die nur zu Beginn wackelnde Elf von Bundestrainer Helmut Schön vor 96 000 Zuschauern in Führung – die Vorlage kommt von einem Offenbacher Kicker aus der damals zweitklassigen Regionalliga Süd: Siggi Held. Stimmung kommt auf, aber nur unter den 12 000 mitgereisten deutschen Fans. Francis Lee gleicht für die Engländer aus (77.), die mit fünf Weltmeistern von 1966 antreten. Doch dann netzt der Gladbacher Netzer ein – und Gerd Müller machte das Wunder von Wembley mit dem 3:1 zur Realität (88.).

Immerhin 22 Millionen sitzen zwischen Flensburg und Garmisch- Partenkirchen beim 369. Länderspiel einer DFB-A-Auswahl vor den Fernsehern – und ärgern sich zunächst über eine fünfminütige Tonstörung. Und über hanebüchene Abwehrschnitzer. Dann ist Reporter Schneider on air, und die in grün-weiß-grün spielenden Deutschen kommen bei englischem Nieselregen auf Betriebstemperatur.

Dass die DFB-Helden am 18. Juni auch Europameister (3:0 im Finale gegen die Sowjetunion) werden, überrascht keinen mehr. Gleich sieben Spieler aus der Wembley-Star(t)elf stehen gut zwei Jahre später in jener großen Mannschaft, die Deutschland in München zum zweiten Mal zum Weltmeister macht.

(dpa)