Sieg und Sibirien: Das bittere Schicksal der Brüder Netto

Moskau (dpa) – Fußballfans freuen sich auf die Europameisterschaft in Frankreich – aber bei Lew Netto weckt das Turnier die Dämonen einer blutigen Vergangenheit. Acht Jahre lang sitzt der Russe auf Befehl von Sowjetdiktator Josef Stalin im Lager.

Es ist eine brutale Situation: Während Lew bei minus 50 Grad Celsius in Sibirien schuftet, ist sein Bruder eines der sportlichen Aushängeschilder des Regimes. Igor spielt Fußball – und zwar sehr erfolgreich.

Als die Sowjetunion 1960 in Frankreich überraschend Europameister wird, stemmt der charismatische Mannschaftskapitän Igor Netto den Pokal mit gemischten Gefühlen in die Höhe. Von seinem dunklen Geheimnis, dem Bruder im Gulag, weiß kaum jemand. «Wir haben nie darüber gesprochen», sagt Lew. «Aber ich weiß, es nagte an ihm.»

In seiner kleinen Wohnung im Süden Moskaus betrachtet der 91-Jährige nachdenklich die Ehrungen seines Bruders. Goldmedaillen für den EM-Titel 1960 und den Sieg beim Olympia-Fußballturnier 1956 in Melbourne, glitzernde Münzen für die Meisterschaften mit Spartak Moskau, daneben Schwarzweiß-Fotos: in einer Vitrine im Flur hat er alles aufbewahrt. «Ich nenne es Igor-Netto-Hausmuseum», sagt Lew. Bald sollen die Andenken in eine Spartak-Ausstellung wechseln.

Lew ist 16, als Hitler-Deutschland im Juni 1941 die Sowjetunion überfällt. Er geht mit 18 an die Front und gerät in Gefangenschaft. In Hessen und Thüringen muss er Zwangsarbeit leisten, bis Amerikaner ihn befreien. Am 19. Mai 1945 fliegt er heim in die Sowjetunion, doch statt Orden erwarten ihn dort Hochverrats-Vorwürfe: Wer solange im Westen war, muss ein US-Agent sein, meint der Geheimdienst. 1948 wird er zu 25 Jahren Lagerhaft in Norilsk verurteilt. «Dort war ich Nummer P867», sagt Lew und schüttelt den Kopf. Dass sein Bruder zu einem berühmten Fußballer aufsteigt, erfährt er aus den Briefen der Mutter.

Igor Nettos Karriere beginnt 1952. Sein Talent ist schnell sichtbar. Er wird Kapitän von Spartak, dann Spielführer der Nationalmannschaft. «Er war populär wie ein Filmstar», sagt Lew nicht ohne Stolz. Als Igor 1955 mit der Sowjetunion in Moskau Weltmeister Deutschland mit 3:2 schlägt, schenkt ihm der Kreml eine Wohnung am Moskwa-Fluss.

Lew Netto kommt 1956 frei, drei Jahre nach Stalins Tod. Als Igor vier Jahre später in Paris mit einem 2:1 gegen Jugoslawien Europameister wird, wirken die ungleichen Jahre zwischen den Brüdern noch nach. «Er hat mich im Kreis der Nationalmannschaft jahrelang totgeschwiegen – etwas anderes hätte ihm aber auch kaum geholfen. Seine Mitspieler konnten ja nicht einschätzen, was für ein Vogel ich bin.»

Die Wege der Brüder bleiben getrennt. Lew arbeitet als Ingenieur im Schiffbau, Igor wird Trainer unter anderem auf Zypern und im Iran. In den 1990er Jahren erkrankt er an Alzheimer. «Er konnte sich noch an das Finale von 1960 erinnern. Aber was gestern war, wusste er nicht mehr», erzählt Lew Netto. Drei Jahre vor Igors Tod holt er den Kranken zu sich in die Wohnung. Es ist eine seltsame Situation: Ihr Leben lang sind die Brüder meist getrennt. Nun finden sie zusammen.

Igor Netto stirbt am 30. März 1999. In seinen Grabstein auf dem Moskauer Prominentenfriedhof Wagankowski ist ein Relief als junger Spartak-Spieler und die Worte «Millionen liebten dich» gemeißelt. «Ich besuche ihn zweimal im Jahr», erzählt Lew Netto. Manchmal erscheine es ihm wie ein Wunder, dass er den Weltkrieg, die Gefangenschaft, das Lager – und seinen jüngeren Bruder überlebt hat. «Den Tod fürchte ich schon lange nicht mehr», sagt er und lächelt.

Fotocredits: Wolfgang Jung

(dpa)