Box-Weltmeisterin Wahner bei Europaspielen: «Mach mein Ding»

Minsk – Vor Kurzem war es die Sportkleidung der deutschen Mannschaft bei den Europaspielen in Minsk, die Ornella Wahner begeisterte.

«Superschöne Sachen», schwärmt sie. Jetzt aber ist Anderes ins Blickfeld der Boxweltmeisterin gerückt: die Medaillen, die in der weißrussischen Hauptstadt vergeben werden. «Natürlich will ich gewinnen», bekennt die Boxerin vom BC Traktor Schwerin. «So ein Event lässt man sich nicht entgehen.»

Bei den ersten Europaspielen von vier Jahren in Baku war sie auch dabei. Damals wurde sie Siebte. Das reicht ihr nicht mehr. Schließlich ist sie Weltmeisterin. «Ich selber mache mir aber keinen Druck. Die Erwartungshaltung im Umfeld ist größer, na klar. Aber das kann ich gut wegstecken. Ich mach‘ mein Ding.»

Als Gewinnerin von WM-Gold im November vergangenen Jahres ist sie die Nummer eins der Setzliste im Federgewicht (bis 57 kg). Ihr Lohn: ein Freilos in der ersten Runde. Im Viertelfinale am Mittwoch trifft die Sportsoldatin auf die Irin Michaela Walsh.

Die erste deutsche Weltmeisterin im Amateurboxen, die Profi-Championesse Regina Halmich als Vorbild nennt, fühlt sich in Minsk ganz in ihrem Element. «Ich liebe das Boxen», verrät die 1,63 Meter große Blondine. «Boxen macht mich wahnsinnig glücklich.» Als Kind hatte die gebürtige Dresdnerin mit ihrem Vater, der den Namen Ornella in Verehrung der Schauspielerin Ornella Muti aussuchte, Boxen im Fernsehen verfolgt. «Ich fand das sofort spannend. Zwei Leute im Ring auf dem gleichen Niveau, und Nuancen geben den Ausschlag über Sieg und Niederlage – fantastisch.»

Dass Faustkampf nicht jedermanns Sache ist, schon gar nicht bei Frauen, stört Wahner nicht. «Wenn man sich diesen Sport aussucht, darf man nicht eitel sein. Ein blaues Auge ist Berufsrisiko», sagt die in Schwerin von Trainer Michael Timm betreute Athletin. «Ich bin gläubig. Jeder Mensch muss seine Bestimmung finden», erzählt sie. «Mir wurde Ehrgeiz und Disziplin mitgegeben. Boxen ist meine Bestimmung.»

Timm ist mit seinem Schützling äußerst zufrieden. «Sie kommt mit ihrer Art sehr gut an, ist absolut natürlich, eine Frohnatur». Was dem Coach besonders gefällt: «Sie ist 100-prozentig fokussiert und kann taktische Linien umsetzen. Ornella boxt intelligent und ist abgebrüht.» Timm weist der Fernstudentin die Favoritenrolle in Minsk zu, aber der WM-Titel sei «kein Freifahrtschein».

Nicht gerade im Wettkampf, aber ansonsten denkt die 26-jährige Wahner viel über das Leben nach, schränkt aber ein: «Immer in die positive Richtung.» Grundsätzlich, meint sie, sollten sich alle Gedanken machen, «wofür man sich einsetzen kann». Das tut sie nicht nur für ihren Trainingsclub in Schwerin, auch für den SKC Tabea Halle.

Wahner besitzt für beide Vereine das Startrecht. Der Grund geht unter die Haut: ihre frühere Freundin Cindy Rogge. Wahners Trainingspartnerin starb vor mehr als zwei Jahren, nachdem sie einen Asthma-Anfall erlitten und ins Koma gefallen war. «Am Anfang war es für mich sehr, sehr schwer ohne sie. Man fragt sich immer wieder: Warum musste das passieren?» Schließlich musste sie sich eingestehen: «So ist das Leben. Manchmal ist es brutal und stürzt einen in tiefe Traurigkeit.» Ihre Schlussfolgerung: «Deshalb sollte man jeden Tag genießen.»

Wegen ihrer persönlichen Bindung unterstützt sie Tabea Halle, hat eine Patenschaft über zwei Nachwuchsboxerinnen übernommen, macht Werbung für den Verein. Mit Cindy Rogges Eltern hält sie Kontakt. Der Name ihrer Freundin steht auf ihren Boxstiefeln. «Ich denke an sie», sagt Wahner. Auch in Minsk.


(dpa)

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