EM-Rivale Türkei: Altstars, Schulden, einzigartige Fans

Istanbul – Zumindest in einer Hinsicht ist der türkische Fußball den Topligen Europas voraus: Das Rennen um die Meisterschaft läuft in dieser Saison so spannend wie in kaum einem anderen Land.

Vier Spieltage vor Schluss der Süperlig leisten sich vier Clubs aus Istanbul ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Spannung bis zum Ende garantiert. Gute Nachrichten kann der türkische Fußball gut gebrauchen, nicht zuletzt für die EM-Kandidatur 2024 – als einzigem Konkurrenten von Weltmeister Deutschland.

Die Krawalle beim Istanbuler Derby am 19. April werfen Licht auf nur eines von vielen Problemen, die den türkischen Fußball plagen. Sportlich können die Clubs des Landes nicht mit Europas Spitze mithalten. Besiktas Istanbul schaffte es zwar in dieser Saison bis ins Achtelfinale der Champions League, wurde dort aber von Bayern München mühelos ausgeschaltet.

Die Süper Lig genießt den Ruf, Zwischen- oder Endstation für Altstars zu sein, die ihre besten Zeiten hinter sich haben. Die Portugiesen Pepe und Ricardo Quaresma (beide Besiktas), die Holländer Wesley Sneijder (Galatasaray) und Robin van Persie (Fenerbahce) oder der Kameruner Samuel Eto’o (Konyaspor) sind nur einige der Profis, die derzeit oder in den vergangenen Jahren in der Türkei kickten.

An Millionen für große Namen scheint es nicht zu mangeln. Dabei steht die Liga finanziell alles andere als auf soliden Füßen. Emir Güney, Direktor des Zentrums für Sportstudien der Kadir-Has-Universität in Istanbul, sagt sogar: «Alle Clubs sind bankrott.» Laut der türkischen Zeitung Fanatik belaufen sich allein die Schulden der Klubs Besiktas, Fenerbahce, Galatasaray und Trabzonspor auf fast 1,5 Milliarden Euro.

Dahinter stecken nicht zuletzt gestundete Steuern, die der Staat nicht einfordert, weil er das System am Laufen halten will – ein Beleg dafür, wie eng Sport und Politik miteinander verbunden sind. «Das ist kein nachhaltiges System», sagt Emir Güney. Einnahmen durch Ticketverkäufe können die Lage kaum verbessern. Nach der Einführung einer Registrierungskarte, die die Fans zunächst erwerben müssen, um ein Ticket kaufen zu können, brachen die Zuschauerzahlen ein.

Dennoch hat das Land bei der Bewerbung für die EM auch einige Pluspunkte einzubringen. Mit Hilfe der Regierung entstanden in den vergangenen Jahren etliche neue Stadien mit hohem Komfort. Auch die Infrastruktur ist modern und bereit für eine Großveranstaltung. Darauf wird die türkische Delegation verweisen, wenn sie am 26. April, zwei Tage nach den Deutschen, ihre EM-Unterlagen bei der UEFA abgibt.

Und dann ist da noch die Stimmung der begeisterungsfähigen Fans, die in Europa ihresgleichen sucht. Zu spüren bekam das im vergangenen Jahr RB Leipzig bei der Champions-League-Partie gegen Besiktas in Istanbul. Die Fans pfiffen das Team aus Deutschland so fanatisch aus, das die Leipziger Spieler sprichwörtlich kollektiv weiche Knie bekamen.

Fotocredits: Lefteris Pitarakis
(dpa)