Krawall und Chaos: Hooligan-Gewalt Argentiniens Dauerproblem

Buenos Aires – Die zerborstenen Scheiben des Mannschaftsbusses der Boca Juniors sind das jüngste Sinnbild für das größte Problem des argentinischen Fußballs.

Der Skandal um die Hooligan-Gewalt von Buenos Aires und die Farce um die Verschiebung des Endspiels um die Copa Libertadores werfen ein Schlaglicht auf das Versagen von Verbänden, Sicherheitskräften und Politik. Südamerikas Dach-Organisation CONMEBOL muss nun zunächst entscheiden, ob und wann das Final-Rückspiel zwischen den tief verfeindeten Rivalen River Plate und Boca Juniors nachgeholt wird.

2000 Sicherheitsleute hatten am 24. November offenbar nicht gereicht, um die unversehrte Ankunft des Boca-Teams zur Partie zu gewährleisten. Steine und andere Gegenstände prasselten auf den Bus, einige Profis erlitten Schnittwunden. Im Nebel von Pfefferspray und Tränengas fiel der Boca-Fahrer in Ohnmacht, ein Funktionär steuerte den Bus die letzten 200 Meter bis zum Stadion. Spieler klagten über Übelkeit.

Es folgten heftige Debatten zwischen den Clubs und den an TV-Verträge gebundenen Organisatoren über die Austragung des Spiels. Erst nach Stunden folgte am Samstag die Verlegung auf Sonntag. Am Tag darauf begannen die Diskussionen aufs Neue, ehe der CONMEBOL dem Antrag von Boca auf eine weitere Verschiebung nachgab. Geht es nach der Boca-Spitze, wird River Plate für die Krawalle am Grünen Tisch bestraft und Boca nach dem 2:2 im Hinspiel kampflos zum Copa-Sieger.

Eher wahrscheinlich aber ist, dass das Rückspiel nachgeholt wird. Als Termin ist der 8. Dezember im Gespräch. Vorher ist eine Neuansetzung nicht möglich. Am 30. November und 1. Dezember tagt in Buenos Aires der G20-Gipfel. Die Gegend um das Stadion wird daher vom 29. November an strikt abgeriegelt sein.

Die bestürzenden Geschehnisse vom Wochenende weckten allerdings Zweifel, wie das politische Großereignis sicher über die Bühne gehen soll, wenn der Polizei schon der Schutz eines Fußballspiels entgleitet. Der ehemaliger Sicherheitssekretär Sergio Berni geißelte bereits «die operative Unbeholfenheit unserer Sicherheitskräfte». Dabei hatte die jetzige Sicherheitsministerin Patricia Bullrich noch vor wenigen Wochen erklärt, der Schutz für das Copa-Finale sei eine leicht erfüllbare Kleinigkeit neben der des G20.

Bullrich hatte aber offenbar die Toleranz von Argentiniens Politik gegenüber der Fan-Gewalt nicht bedacht. Vor einigen Jahren sollten britische Experten mit ihren Erfahrungen im erfolgreichen Kampf gegen Hooligans auf der Insel dabei helfen, einen ähnlichen Plan für Argentinien zu entwerfen. Sie zogen bald frustriert ab. Die «Barrasbravas», die lokalen Hooligans, sind zu sehr mit der Politik und anderen Mächtigen vernetzt.

Die «Barrasbravas» sind Politikern bei Wahlkampagnen behilflich. Bei einer Veranstaltung in Buenos Aires des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro, zu Zeiten der Regierung von Cristina Fernández de Kirchner, füllten zum Beispiel Fans des Zweitligisten All Boys die leeren Sitzreihen aus, um die Popularität beider Präsidenten zu bezeugen. Privat betreiben sie den Weiterverkauf von Tickets zu den Spielen, aber auch den Drogenvertrieb um und im Stadion.

Bei einer Hausdurchsuchung am Freitag beschlagnahmte die Justiz 300 Eintrittskarten für das Copa-Finale. Der Eigentümer der Wohnung ist einer der Führer der River-Ultras, der normalerweise rund 300 «Barrabravas» ins Stadion einschleust. Er wurde nicht festgenommen. Seinen Leuten fehlten aber die Tickets. Zahlreiche River-Anhänger wurden am Samstag vor dem Stadion ihrer Tickets beraubt.

«Niemand kann so naiv sein, dies (die Beschlagnahme der Tickets am Freitag) mit dem Vorfall am Samstag nicht in Verbindung zu setzen», sagte der Bürgermeister von Buenos Aires, Horacio Rodríguez Larreta. Unklar blieb, weshalb die Sicherheitskräfte so handelten, dass der Angriff auf den Mannschaftsbus möglich war.

Auch die Club-Spitzen von Boca Juniors und River Plate sind eng mit der Politik vernetzt. Staatschef Mauricio Macri führte einst selbst zehn Jahre lang die Boca Juniors und nutzte dies als Sprungbrett für seine politische Karriere. Als Auswärtsfan durfte Macri nicht zum Final-Rückspiel ins River-Stadion. Gäste-Anhängern ist wegen der Zustände in Argentiniens Fußball seit 2013 der Zutritt zu den Arenen verboten.

Fotocredits: Diego Martinez
(dpa)