WM im fremden Dress? Fußballer und das Werben der Anderen

München (dpa) – Die Tunesier hatten sich wirklich um Rani Khedira bemüht. Schon im Vorjahr wollten die Nordafrikaner den Augsburger in ihre Nationalmannschaft locken, nach einer ersten Absage probierten sie es jüngst noch einmal.

Sogar der frühere Bundesliga-Profi Änis Ben-Hatira sollte in das Werben eingespannt werden. Aber Khedira wollte nicht für Tunesien spielen, selbst die Aussicht auf eine WM-Teilnahme und die theoretische Chance auf ein brisantes Duell mit seinem Bruder Sami und der deutschen Auswahl änderten daran nichts.

Fußballer mit zwei Nationalitäten oder ausländischen Wurzeln stehen immer wieder vor der Wahl, für welches Land sie spielen wollen. Gerade Nationen fernab der Weltspitze buhlen um Kicker, die in wichtigen Ligen aktiv sind. Andererseits kehren manche Spieler dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) nach der Jugendzeit den Rücken und haben dann anderswo die deutlich größeren Chancen auf große Turniere.

Ashkan Dejagah mit dem Iran sowie Roman Neustädter und Konstantin Rausch im vorläufigen Aufgebot der Russen sind drei Spieler, die die Nachwuchsteams im DFB durchlaufen haben, dann aber Nation wechselten und aktuell auf eine Teilnahme an der bald beginnenden WM hoffen. Vor allem Rausch ordnete zuletzt alles dem Ziel Weltmeisterschaft unter und wechselte im Winter gar vom 1. FC Köln zu Dynamo Moskau. «Absolut nachvollziehbar» nannte FC-Geschäftsführer Armin Veh den Schritt.

Auch Änis Ben-Hatira hatte auf große Turniere gehofft, als er 2012 als Hertha-BSC-Profi dem tunesischen Verband zusagte. Heute meint er: «Ich habe mich damals einen Tick zu früh entschieden. Ich hatte die Angst, dass die Chance immer geringer wird von Jahr zu Jahr.» Ganz oben auf seiner Wunschliste stand eigentlich etwas anderes, wie er erzählte: «Mein Ziel war es mal, für Deutschland zu spielen.»

Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur schilderte der heute 29-Jährige, wie sehr die Nordafrikaner um ihn warben. «Der Kontakt war schon da, seit ich 16 oder 17 war», erinnerte er sich. «Der tunesische Verband hat sich ständig gemeldet und die Offiziellen haben mich besucht und versucht, mich zu überzeugen.» Mit Erfolg, und das auch, weil der DFB angeblich keinen Kontakt zum Spieler hielt.

Bei Khedira blitzte der FTF ab. Die Funktionäre «haben mich gefragt, ob ich da helfen könnte», sagte Ben-Hatira, der selbst nicht in das vorläufige WM-Aufgebot geschafft hatte. «Aber ich kann da nicht viel machen. Der Vater von Rani ist Tunesier, da braucht keiner von links oder rechts zu kommen, um einen Tipp zu geben. Er hatte die Chance auf eine WM, aber er wird seine Gründe haben, dass er das nicht wahrgenommen hat. Ich denke, das hat er ganz gut durchdacht.»

Khedira musste grübeln. «Ich trage beide Nationen im Herzen», sagte er. Einerseits ist sein Papa stolzer Tunesier, er selber aber in Deutschland geboren und spricht kein Arabisch. Die Kommunikation auf dem Platz wäre kaum möglich gewesen, zudem kannte er das Team nicht. «Mit 20 Tagen gemeinsamem Training macht es einfach keinen Sinn. Hätte ich vor einem Jahr die Mannschaft und das Umfeld kennenlernen können, wäre das anders», sagte der 24-Jährige zuletzt dem «Kicker».

So wird es in Russland zu keinem Geschwisterduell kommen – Tunesien hätte in einem möglichen Viertelfinale auf Deutschland und damit Rani auf seinen älteren Bruder Sami treffen können. 2010 spielte Jérôme Boateng bei der WM gegen Ghana und seinen Halbbruder Kevin-Prince. Eine mögliche eigene Zukunft in Joachim Löws A-Nationalmannschaft habe bei der Entscheidung keine Rolle gespielt, beteuerte Khedira.

Anders sah das bei Jordan Torunarigha von Hertha BSC aus, den Nigeria haben wollte und ihm sogar eine WM-Garantie gab. «Die Möglichkeit für Nigeria bei der WM auflaufen zu dürfen, hätte mich natürlich geehrt. Schließlich hat mein Vater auch für dieses Land gespielt», sagte der 20-Jährige. «Allerdings war für mich schnell klar, dass ich mich weiter beim DFB beweisen will. Ich bin bei der U21 neu dabei, und will mich dort unbedingt durchsetzen.» Nigerias Coach Gernot Rohr bedauerte das und fand: «Diesen Spieler hätte ich gebrauchen können.»

Weil Fußballer nicht für mehrere Nationen spielen können, geht es vielen Verbänden am Anfang von Spielerkarriere oft darum, diese mit einem Pflichtspieleinsatz für das eigene Land zu sichern. Da sind die Deutschen übrigens keine Ausnahme. Fast schon legendär sind die Verpflichtungen des Brasilianers Paulo Rink und des Südafrikaners Sean Dundee, die im DFB-Team um die Jahrtausendwende aber floppten.

Auch Bundestrainer Joachim Löw sicherte sich 2017 ein Sturm-Talent, als er Kerem Demirbay in den Confed-Cup-Kader berief. Eine angeblich parallele Zusage des Hoffenheimers für die Türkei sorgte für Wirbel. Seitdem machte Demirbay zwei Länderspiele, die WM verfolgt er im Fernsehen genauso wie Rani Khedira – mit dem Unterschied, dass sich dieser bewusst gegen das Turnier im fremden Dress entschieden hat.

Fotocredits: Matthias Balk